Oh, das Foto ist aber bearbeitet, oder?

Datum: 14. Dezember 2018

 

Ein wenig Lightroom und Co. ist einfach richtig und notwendig!

Ist es dir nicht auch schon passiert? Hast du es nicht auch schon gehört oder in einem Kommentar gelesen? Oh, das ist doch einfach bearbeitet, da hast du aber doch etwas nachgeholfen, oder? Meine Fotos kommen halt unbearbeitet ins Netz, das ist dann doch noch etwas anderes! So tönt es manchmal bei eigenen Fotos oder bei fremden auf den verschiedenen Fotoplattformen oder sozialen Medien im Netz.
Und da schwingt im virtuellen, fotografischen Raum schon eine ganze Portion negative, abwertende Beurteilung zu den Betrachtern und zur Fotografin oder zum Fotograf, der als Urheber für das gezeigte Foto verantwortlich ist. Gerade so, als ob eine Bearbeitung die Fotografie schon per se in der Qualität gewaltig vermindere. Stimmt das so oder gehören diese Meinungen ins Reich der Märchen?

Das Wichtigste gerade zuerst, Fakt ist: Ein wenig digitale Bearbeitung, besser umschreibt es der Begriff Entwicklung, ist in der Fotografie richtig, nützlich und auch erlaubt, wenn man in RAW fotografiert, in den meisten Fällen sogar notwendig. Ausschlaggebend ist, so viel wie nötig, so natürlich und behutsam wie möglich und so wenig wie möglich!
Und ganz wichtig, als Fotograf schon etwas älteren Jahrgangs kann ich diesen Artikel über Bearbeitung hier schreiben, weil ich früher selber analog fotografierte, in einem Labor selber entwickelte, vergrösserte und genau weiss, was damals analog möglich war und heute noch ist.

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Also, legen wir los! Da wurde mir doch schon oft mit Wehmut erklärt, dass man sich nach den alten, analogen Zeiten zurück sehne, als Fotografie noch Fotografie war und die Fotografen noch richtige Fotografen. Als die Fotos noch „echt“ waren und das Negativ wie fotografiert aus der Kamera – „out of the box“ – wie es so schön heisst, ins Labor und auf den positiven Abzug kamen, nichts anderes als die echte Wahrheit. Da geistert auch immer herum, dass eben richtige Fotografen oder Fotografinnen nur dann gute Fotografen waren oder auch heute noch seien, wenn sie bei ihren Fotos keine Bearbeitung brauchen und alles restlos wie früher mit der Kamera alleine machen würden.

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Das mag ja in gewissem Sinne und in einigen wichtigen Teilen zutreffen, früher und heute, vor allem was das fotografische Auge, die Planung der Fotografie, das fotografische „Know How“, die Fototechnik bei den Einstellungen, den Bildaufbau, das Licht sowie in der analogen Zeit auch die Anzahl der Aufnahmen betraf, die man machen konnte. Man versuchte, früher wie heute, möglichst vieles schon mit der Kamera richtig zu machen. Aber dann ist vermutlich schon bald einmal fertig. Denn, sobald das Wort Labor ins Spiel kommt, beginnt die Argumentation „des nicht bearbeiteten Fotos“ arg zu wackeln. Bearbeitet wurde nämlich schon immer, auch in der analogen Zeit und manchmal auch ganz tüchtig.

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Einzig die Mittel der Entwicklung (Bearbeitung) waren etwas anders und etwas weniger bequem in der Anwendung. Handwerkliche Fertigkeit sowie chemische und physikalische Kenntnisse waren gefragt und notwendig. Schon mit der Auswahl des richtigen Filmmaterials oder auch des Fotopapiers konnte man verschiedene Parameter des Aussehens der künftigen Fotografie entscheidend beeinflussen. Gute Fotografen gaben den Labors genaue Anweisungen oder bestimmten im Labor selber, wie das Foto entwickelt werden sollte, welche Stellen dunkler, welche heller oder kontrastreicher erscheinen sollten. Sogar ganze Montagen beim Himmel oder auch Retouchen beim Negativ, früher auch bei den Glasplatten, waren möglich und wurden auch immer gemacht – und nicht zu knapp, versteht sich! Sogar von Hand koloriert wurde in der Zeit der Schwarzweiss-Fotografie. Nur wissen das heute halt nur die wenigsten Leute, sogar bei den Fotografen!

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Da wir das nun geklärt, erklärt und verstanden haben, wissen wir, dass aus der Kamera, „out of the box“, früher wie heute, eben nur ein rohes Bild kommt, sei es als Negativ oder als digitale RAW-Datei, das eine gewisse Bearbeitung oder eben besser bezeichnet, eine Entwicklung dringend nötig hat. Basta!

Eine Ausnahme gibt es, wenigstens zum Teil. Fotografierst du mit einem Handy, einer einfacheren Kamera oder fotografierst du nicht mit dem RAW-Format, kommt aus deiner Kamera eine Jpg-Datei mit einem „fertigen“, schönen Foto. Dieses wurde in der Kamera durch ein spezielles internes Computerprogramm so „entwickelt“, dass aus dem rohen Bild vom Sensor ein durchschnittlich gutes Foto herausgekommen ist. Dein vermeintlich unbearbeitetes Foto – „out of cam“ – ist also auch bearbeitet (entwickelt), nur nicht von dir selber.

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Fazit:
Geniessen wir doch die schönen und bewegenden, digitalen Fotos ohne „wenn und aber“ und bewundern das Können der Fotografinnen und Fotografen als Gesamtwerk aus Beherrschung der Fotografie mit der Kamera und handwerklicher digitaler Entwicklung des Fotos am Computer. Denn nur zusammen bekommt das Foto eine künstlerische Handschrift der Fotografin oder des Fotografen.

Anmerkung:
Mit dem RAW Konverter in PS oder LR entwickelt man die RAW-Datei zum Foto. Darum umschreibt eingentlich der Begriff „Entwicklung“ den Prozess besser, als das Wort „Bearbeitung“. Mit diesem Begriff werden eher negative Eigenschaften verbunden und der Anschein erweckt, dass am Foto so starke Veränderungen vorgenommen werden, die schon in Richtung eines Composings gehen. (Ich danke Florian Sabo für den Hinweis!)


Fotos:
Die Fotos in diesem Artikel stammen von Birgit und Ruedi Immoos und sind alle ein wenig nach diesen Regeln entwickelt worden.
Das sw Foto stammt von pixabay.com

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